Adventskalender Türchen Nr. 22

22. Dezember

„Mir gefällt Weihnachen“ von Iris Berben

Seit über 2000 Jahren hält Weihnachten aus. Und durch. Darf ich die Belastungen aufzählen?
Wütende und missmutige Menschen, die durch Straße irren, weil sie noch keine Geschenke haben. Streitsüchtige Schwiegermütter, die sich in den Teig der Vanillekipferln einmischen. Rechthaberische Ehemänner, die auf der Suche nach dem Christbaumständer den Sinn des Lebens in Frage stellen.
Weihnachten hält schlechten Geschmack aus. Unfassbar, was in diesen wenigen Stunden auf der ganzen Welt alles so ausgepackt wird – aus unfassbar geschmacklosem Papier.
Weihnachten hält atemberaubende Duftkombinationen aus. Weihrauch legt sich über Zimt und Bratapfelduft, und die Geschenkidee eines Raumsprays fügt sich harmonisch in den Duft aus der Karpfenküche.
Weihnachten hat den höchsten Cholesterinspiegel der Welt. Mediziner würden der „Heiligen Weihnacht“ nur ein sehr kurzes Dasein prognostizieren, bei den Mengen von Gänsen und Würsten. Alle Jahre wieder: Wie viele Witze muss Weihnachten ertragen, wie viel Protest, Streit, Frust, seelische Zusammenbrüche, ideologische Entwürfe, vereinzelte Klagen aus der Nachbarschaft und traditionelle Klage aus dem Einzelhandel.
Aber keiner kommt daran vorbei, niemand kann sich freimachen von Weihnachten. Auch der nicht, der zornig sagt: „Ich? Ich mache Weihnachten gar nichts, null, nichts.“ Also auch der macht an diesem Abend deshalb nichts, weil Weihnachten ist. Und der Vorstandsvorsitzende, der vor ein paar Jahren noch mit leuchtenden Augen unterm Christbaum sein erstes ferngesteuertes Auto an sich drückte, steht heute wieder da – trotz schlechter Jahresbilanz, schütterem Haar und Lesebrille. Und singt laut und falsch: „Leise rieselt der Schnee.“ Wunderbar: Weihnachten ist unerschütterlich.

 

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